Hier im Flieger nach Zürich – die Kabine ist bis auf den letzten Platz besetzt wie immer, aber geflogen wird derzeit nur der kleine A320, früher füllten sie noch die grossen Langstreckenflieger nach Tel Aviv – spricht kaum einer der Passagiere Schweizerdeutsch oder Deutsch, oder auch nur Englisch. Obwohl es Freitagabend ist, Beginn des Shabbat, die Wochenzeit, zu der alle guten Juden bei ihren Familien um den Tisch sitzen, um eine Kerze anzuzünden und um das Wochenende einzuläuten (El Al fliegt nicht mal Freitag-Abend und Samstag): unser Flieger ist voll mit Israelis, auf dem Weg raus. In die Ferien oder in ein neues Leben. Nicht Schweizer, nicht Deutsche, nicht mal Amerikaner fliegen derzeit zum Urlaub nach Israel.
(Trotzdem brummt Tel Aviv an vielen Ecken. Es ist sogar vielleicht noch etwas aufregender, ohne die Massen landesfremder Touristen.)
Rechts von mir in Reihe 28 sitzen meine Lieben. Meine Bewunderung für die drei ist grenzenlos: G gibt ihre Karriere auf, ihre Familie, ihr Leben und auch die Buben lassen ihre Freunde zurück, ihr ganzes Umfeld, ihre Welt und ihre vertraute Sprache. Und sie freuen sich auf das Neue!
‚Wir wollen keinen totalen Krieg, aber wir sind bereit dafür!‘ dröhnte es hüben wie drüben in den letzten Wochen, während wir das Ende des Schuljahres und den Abschied von unseren Lieben feierten. In den Nachrichten wurden fast täglich tote Soldaten in Gaza gemeldet. Aus dem Norden berichteten sie von anhaltenden Scharmützeln. Dutzende Raketen hier, die Wälder anzünden, und die in den evakuierten Ortschaften im Norden Israels Spuren hinterlassen; gezielte Tötungen per Drohne dort…
Gleichzeitig leerten wir ein grosses Haus, entdeckten, wie viel Unnötiges sich angehäuft hatte in den Jahren, packten ein, verkauften und schmissen weg.
Unsere Freunde planen ihren Sommerurlaub in der Hoffnung, dass der Krieg im Norden losgeht – wenn es denn sein muss – wenn sie in Griechenland, Grindelwald, Goa oder wo auch immer Ferien machen.
Spekuliert wird, dass ein Krieg während der Sommerferien wahrscheinlich ist, da die Kinder so keine Schule verpassen, sprich sowieso zuhause sind, sprich die Eltern weniger geschockt wären von eins zwei drei Wochen Kriegsurlaub.
Das Zerstörungspotenzial in der Region ist natürlich riesig. Aber am Ende sind wohl beide Seiten eher interessiert an kleineren und grösseren Eskalationen in regelmässigen Abständen. Eine richtig ausgiebige Schlachterei ist sehr attraktiv als grosses Versprechen und Drohkulisse. In Echt hätte mit so einer Katastrophe wohl niemand wirklich etwas zu gewinnen.
Unsere Buben kriegten vom Krieg direkt wenig bis gar nichts mit, zum Glück. (Das eine einzige Mal, als eine Rakete bei uns in der Stadt runterging, sassen wir im Tessin am See.) Was sie jedoch in diesen Monaten gehört haben von Freunden, aufgeschnappt aus Gesprächen der Erwachsenen, internalisiert von der miesen allgemeinen Stimmung – das ist schwer zu sagen.
‚Zürich einfach‘ haben wir gelöst, einfach wird’s nicht werden in Zürich.
Das Drama in Israel ist natürlich manchmal nicht einfach zu ertragen. Dafür hält man zusammen und steht zusammen. Gemeinsames Leid verbindet. In schwierigen Zeiten sucht man die Nähe von Familie und Freunden. Dieses Zusammenrücken gilt nicht unbedingt im grossen gesellschaftlichen und politischen Kontext – aber es ist sicher als Familie und als Gemeinschaft zu spüren. Man leidet gemeinsam. Man stärkt sich gegenseitig den Rücken. Das ist es auch, was eine deutsche Freundin in Israel meinte, glaube ich, als sie mir sagte, sie könne sich nicht vorstellen jetzt zurück nach Deutschland zu ziehen. Dort würde sie sich nur alleine fühlen.
Vorgestern luden wir noch unseren Freundeskreis zu Pizza und Drinks in eine Bar am Meer. Morgen sitzen wir in unserer 3-Zimmer-Wohnung in der Agglo Zürichs.
PS: Wie wir am Flughafen heute unsere Gesichter in die Kameras der voll automatisierten Passkontrolle halten, kommt die Meldung: ‚Hamas sagt Hezbollah, dass sie bereit sind für Frieden.‘ – Frieden? – Ich würd’s allen Zuhausegebliebenen von Herzen wünschen.
Und umso mehr könnten wir uns schon jetzt auf unseren ersten Besuch in Israel freuen.