Hier im Flieger nach Zürich – die Kabine ist bis auf den letzten Platz besetzt wie immer, aber geflogen wird derzeit nur der kleine A320, früher füllten sie noch die grossen Langstreckenflieger nach Tel Aviv – spricht kaum einer der Passagiere Schweizerdeutsch oder Deutsch, oder auch nur Englisch. Obwohl es Freitagabend ist, Beginn des Shabbat, die Wochenzeit, zu der alle guten Juden bei ihren Familien um den Tisch sitzen, um eine Kerze anzuzünden und um das Wochenende einzuläuten (El Al fliegt nicht mal Freitag-Abend und Samstag): unser Flieger ist voll mit Israelis, auf dem Weg raus. In die Ferien oder in ein neues Leben. Nicht Schweizer, nicht Deutsche, nicht mal Amerikaner fliegen derzeit zum Urlaub nach Israel.

(Trotzdem brummt Tel Aviv an vielen Ecken. Es ist sogar vielleicht noch etwas aufregender, ohne die Massen landesfremder Touristen.)

Rechts von mir in Reihe 28 sitzen meine Lieben. Meine Bewunderung für die drei ist grenzenlos: G gibt ihre Karriere auf, ihre Familie, ihr Leben und auch die Buben lassen ihre Freunde zurück, ihr ganzes Umfeld, ihre Welt und ihre vertraute Sprache. Und sie freuen sich auf das Neue!

‚Wir wollen keinen totalen Krieg, aber wir sind bereit dafür!‘ dröhnte es hüben wie drüben in den letzten Wochen, während wir das Ende des Schuljahres und den Abschied von unseren Lieben feierten. In den Nachrichten wurden fast täglich tote Soldaten in Gaza gemeldet. Aus dem Norden berichteten sie von anhaltenden Scharmützeln. Dutzende Raketen hier, die Wälder anzünden, und die in den evakuierten Ortschaften im Norden Israels Spuren hinterlassen; gezielte Tötungen per Drohne dort… 

Gleichzeitig leerten wir ein grosses Haus, entdeckten, wie viel Unnötiges sich angehäuft hatte in den Jahren, packten ein, verkauften und schmissen weg.

Unsere Freunde planen ihren Sommerurlaub in der Hoffnung, dass der Krieg im Norden losgeht – wenn es denn sein muss – wenn sie in Griechenland, Grindelwald, Goa oder wo auch immer Ferien machen. 

Spekuliert wird, dass ein Krieg während der Sommerferien wahrscheinlich ist, da die Kinder so keine Schule verpassen, sprich sowieso zuhause sind, sprich die Eltern weniger geschockt wären von eins zwei drei Wochen Kriegsurlaub. 

Das Zerstörungspotenzial in der Region ist natürlich riesig. Aber am Ende sind wohl beide Seiten eher interessiert an kleineren und grösseren Eskalationen in regelmässigen Abständen. Eine richtig ausgiebige Schlachterei ist sehr attraktiv als grosses Versprechen und Drohkulisse. In Echt hätte mit so einer Katastrophe wohl niemand wirklich etwas zu gewinnen.

Unsere Buben kriegten vom Krieg direkt wenig bis gar nichts mit, zum Glück. (Das eine einzige Mal, als eine Rakete bei uns in der Stadt runterging, sassen wir im Tessin am See.) Was sie jedoch in diesen Monaten gehört haben von Freunden, aufgeschnappt aus Gesprächen der Erwachsenen, internalisiert von der miesen allgemeinen Stimmung – das ist schwer zu sagen. 

‚Zürich einfach‘ haben wir gelöst, einfach wird’s nicht werden in Zürich. 

Das Drama in Israel ist natürlich manchmal nicht einfach zu ertragen. Dafür hält man zusammen und steht zusammen. Gemeinsames Leid verbindet. In schwierigen Zeiten sucht man die Nähe von Familie und Freunden. Dieses Zusammenrücken gilt nicht unbedingt im grossen gesellschaftlichen und politischen Kontext – aber es ist sicher als Familie und als Gemeinschaft zu spüren. Man leidet gemeinsam. Man stärkt sich gegenseitig den Rücken. Das ist es auch, was eine deutsche Freundin in Israel meinte, glaube ich, als sie mir sagte, sie könne sich nicht vorstellen jetzt zurück nach Deutschland zu ziehen. Dort würde sie sich nur alleine fühlen.

Vorgestern luden wir noch unseren Freundeskreis zu Pizza und Drinks in eine Bar am Meer. Morgen sitzen wir in unserer 3-Zimmer-Wohnung in der Agglo Zürichs. 

PS: Wie wir am Flughafen heute unsere Gesichter in die Kameras der voll automatisierten Passkontrolle halten, kommt die Meldung: ‚Hamas sagt Hezbollah, dass sie bereit sind für Frieden.‘ – Frieden? – Ich würd’s allen  Zuhausegebliebenen von Herzen wünschen. 

Und umso mehr könnten wir uns schon jetzt auf unseren ersten Besuch in Israel freuen. 

Im Kopf sind wir schon länger unterwegs. Wir müssen unser Haus hier sowieso verlassen, wo wir drei Jahre zur Miete wohnten. Die Eigentümer kehren wie geplant zurück aus den USA, und eine passende Bleibe hier zu finden wäre nicht einfach.

Der Krieg hat den Wohnungsmarkt hier im Zentrum weiter angeheizt. Während Corona waren nicht wenige aus der Stadt und ins Grüne geflohen, jetzt geht die Bewegung in die andere Richtung. Nach der Erfahrung vom 7. Oktober, und der drohenden Eskalation mit der Hisbollah im Libanon, will keiner in Grenznähe wohnen. Die grünen Hügelzüge nahe des Libanon haben ihren Reiz verloren. Noch vor etwas mehr als einem Jahr bewunderten wir die coolen Hipster-Burgerläden in einem Kaff an der Grenze, dachten, vielleicht wäre das ja was für uns, um der Dichte hier zu entfliehen, in den Norden ziehen… Zehntausende wurden seither aus diesen Dörfern in Sichtweite zum Libanon evakuiert.

Sind wir auch Flüchtlinge? – Alle hier wollen hören, warum wir in die Schweiz ziehen.

Mit den Leuten auf Arbeit oder unsrer Putzhilfe oder dem Klavierlehrer muss ich weniger navigieren. Am schwierigsten sind die Gespräche mit unseren Freunden an der Schule. Unsere Klasse ist in drei Jahren zusammengewachsen, wir haben zusammen eine Schule aufgebaut und Wochenenden zusammen gecampt, es sind spannende tolle liebevolle Leute, die keine Aufwände scheuen für ihre Kids. Diesen Freunden ins Gesicht zu sagen: Wir tun es für die Kids. Wir möchten unseren Kindern das Land hier ersparen, schaut mal der Hass rundherum, das furchtbare endlose Töten, der Rassismus, die Angst und die Wut, das wollen wir nicht für unsere Kinder.

Ganz langsam sind wir nun auch nicht mehr nur mit dem Kopf sondern auch mit dem Herzen auf dem Weg in die Schweiz. Unterwegs in die Sicherheit – und unterwegs in die Unsicherheit eines neues Lebens. 

‘Ihr nach!’ – Welttag der Frauen 2024 auf einem Poster um die Ecke von unserem Zuhause.

Um die Ecke von unserem Büro in Süd-Tel Aviv hat ein Kaffee aufgemacht, parterre in einem Hostel, an einer 4-spurigen Strasse. Ein karger Raum mit hoher Decke und rohen Betonwänden, vorher wird es eine Autowerkstatt oder Klempnerei gewesen sein, wie die meisten Läden hier im Kiez, noch. Der Vibe ist New York in den 90ern, Berlin in den 00er Jahren, roh, grossstädtisch. Ich wollte immer mal nach Buenos Aires, und als mir der langhaarige grauhaarige Barista heute Morgen den Kaffee im Glas zum Tisch bringt, denke ich plötzlich: genau so stelle ich mir ein Hostel in Buenos Aires vor. Gute Musik, gute Grafik, guter Kaffee und dicke Sandwiches im Schaukasten am Tresen. Eklektische Einrichtung und in einer Ecke eine Kleiderstange mit Graffiti-T-Shirts. Freundliches Personal, einige spannend aussehende Leute, die hinter ihren Macbooks hocken und innerlich mitwippen zur coolen Musik. Alles in dem Raum atmet Möglichkeiten. Alles wäre auch anders möglich. Und wenn ich in dem Kaffee sitze, gehöre ich dazu, zur Welt da draussen.

Doch so weltläufig der Laden aufgemacht ist – auch hier verkehren derzeit nur Locals. Das Land ist isoliert. In Tel Aviv sind noch Weltenbürger unterwegs, doch der Krieg schnürt dem Land und langsam auch der Stadt den Atem ab. Es riecht immer weniger nach Welt, und immer mehr nach Enge. Und nach Trauer und Wut. Was wird sein?

Die Weltpolitik fragt: Was ist Israel’s Plan für den ‘Morgen danach’? Wie soll’s nach dem Krieg weitergehen? Die Antwort der Rechtsnationalen Regierung hier: wir machen solange weiter, bis wir alle rundherum plattgemacht haben. Widerspruch gegen diesen Leitgedanken gibt’s nicht, weder im Privaten noch im öffentlich politischen Raum. Nur wenn’s um die Taktik zur Geiselbefreiung geht, gibt’s unterschiedliche Meinungen.

Wir werden einen ‘Morgen danach’ hier nicht mehr erleben. Ein echter ‘Morgen danach’, ein Tag nach dem Konflikt, ist überhaupt kaum vorstellbar. Das Rad wird sich auch in absehbarer Zukunft weiterdrehen, Auge um Auge, Krieg und Waffenstillstand und wieder Krieg. So sehr sich die Ereignisse der letzten 6 Monate wegen ihrer offenen Brutalität und Blutrünstigkeit wie eine Zäsur anfühlen, ist es doch nur die logische Fortsetzung der Politik der letzten Jahrzehnte. Die Gewaltfantasien hüben wie drüben waren schon lange offen ausgesprochen. Und so sehr man sich einen Kurswechsel wünschen kann (jetzt erst recht!) – geht es hier nur um Dominanz und Unterwerfung (jetzt erst recht!). Ihr oder wir.

Unser ‘Morgen danach’ wird der erste Morgen in der Schweiz, irgendwann im Sommer. In unserer neuen Wohnung.

Oh, wie werde ich den guten Kaffee und die Weltläufigkeit der Leute in dem Hostel in Süd-Tel Aviv vermissen…

Zuerst kam die Nachricht, dass Biden seinen Wochenend-Urlaub abbricht, um mit seinen Generälen ‘Iran-Israel’ zu beraten. 

Dann sagten sie hier im ganzen Land die Schule ab für den nächsten Tag. Das ist in etwa die deutlichste Ansage, dass ein ausserordentlicher Angriff kommt. Denn das Land steht zu einem guten Teil still, ohne Schule und Kinderbetreuung. 

Andererseits, für uns war es eine symbolische Ansage. Der Sonntag war der erste Tag der Frühlingsferien in unserer Schule. 

Man sei vorbereitet auf eine Attacke aus dem Iran, sagte Bibi. 

Gutenachtgeschichte mit den Kids.

Und dann um 23Uhr die Meldung: die Drohnen sind in Iran gestartet. 

Jordanien und andere Länder in der Region schlossen ihren Luftraum. 

Erst war von Dutzenden Drohnen die Rede, dann von Hunderten.

Wir waren alle schon im Bett. Ich war noch wach, G und die Kids schliefen schon. 

Dann starteten Raketen im Iran.

Dann kamen besorgte Whatsapp-Nachrichten von Freunden aus Europa.

Einige Stunden sollte es dauern, bis die Drohnen und Raketen hier sein würden. 

Sollte ich alle schlafen lassen, und hoffen, dass es ruhig bleibt? 

Das ist tatsächlich, was nicht Wenige in unserem Freundeskreis machten. Wenn’s dann Alarm geben sollte, hört man’s ja… Wer wartet schon gerne Stundenlang in der Nacht auf Raketen aus dem Iran.

Um die Zeit sinnvoll zu nutzen richtete ich mit unseren Campingmatten im Schutzraum Betten ein, legte Decken aus, stellte einige Liter Trinkwasser und Petit Beurre und Taschenlampen bereit. 

Draussen war es ruhig, hin und wieder donnerte in grosser Höhe ein Flugzeug über uns weg. 

Ich prüfte Verfügbarkeit und Preise für Flüge nach Zürich. Für die nächsten zwei drei Tage war nur noch Businessklasse verfügbar.

Die Regierung meldete, im Süden des Landes solle man sich in der Nähe von Schutzräumen aufhalten. Wir leben nicht im Süden.

Ich weckte G, und wir beschlossen, die Kids schlafend nach unten in die improvisierten Betten zu bringen, solange es am Nachthimmel noch schön ruhig war. 

Es schien schwer vorstellbar, dass bei hunderten Drohnen und Raketen kein Luftalarm ausgelöst würde. 

Botschaftspersonal wurde schon Tage zuvor angehalten, in den Städten zu verbleiben.

Was mir entgangen war, lost in Translation: dass die Iraner wohl ihre Ziele vorher angekündigt hatten. Dass man wusste, die Raketen und Drohnen würden nicht auf Ballungszentren zielen, sondern hauptsächlich auf eine abgelegene Luftwaffenbasis in der Wüste im Süden. 

So blieb es ruhig und wir schliefen im Keller.

Am Morgen herrschte wieder Normalbetrieb.

So geht Normal hier.

Unser Grosser nimmt am Morgen gerne als erstes mein Telefon und berichtet uns die Wettervorhersage. Dann wählt er Hose und Hemd kurz oder lang, je nachdem ob’s am Mittag unter oder über 20 Grad ist. Meist ist’s bisher drüber, in diesem Winter.

Come rain or shine: Man trägt jetzt Waffe. Nicht (nur) als Fetisch oder Hobby. Der eine Vater bei uns in der Schule setzte sich in den letzten 12 Monaten sehr öffentlichkeitswirksam für verhaftete Anti-Netanyahu-Demonstranten ein. Neulich nach Schulschluss hatte er gut sichtbar eine Pistole an der Hüfte stecken. Wer sich bei den Rechten und Nationalisten Feinde macht, muss wohl ihre Sprache sprechen.

Im Kaffee wo ich zum Arbeiten einmal die Woche bin, sitzt auch oft der eine oder andere junge Mann, meist in Uniform, mit M16 auf den Knien. Auf dem Weg zum Klo wird’s dann immer eng zwischen den Tischen. Ich denke: sollte ich ihm einen Kaffee ausgeben? Danke sagen dafür, dass er heute Nachmittag wenn er zurück bei der Truppe ist, möglicherweise in Gaza Hamasniks (oder irgendwen) erschiesst?

In der Strasse vorm Kaffee kreuze ich einen Typen mit angeschmuddeltem schwarzem T und Hoodie, der seinen kleinen weissen Hund Gassi führt. Auf seinem Pulli steht weiss und gross ‘Aroma Waffen – Schiess-Instruktor’. Aus dem Hosenbund lugt eine elegante handliche Pistole in silber/grau.

Gestern im Büro sagt mir meine Mitarbeiterin um vier schon: “Ich bin dann mal weg,” sie wohnt in unserer Ecke, nördlich von Tel Aviv. Dann sagt sie “und du solltest auch besser dann mal los.”

Ihr Mann arbeitet irgendwas mit Luftwaffe – was immer das im Drohnen- und Abfangraketen-Zeitalter heisst – ich packe meine sieben Sachen und mache mich auf den Weg aus der Stadt. Das ganze Land erwartet die Eskalation im Norden. Man lebt Normalität auf Zeit. Tatsächlich seh ich dann, gab’s in Tel Aviv noch Alarm, später an diesem Nachmittag. Nicht bei uns.

Am Abend dann donnert’s draussen am Himmel. Dann fallen schwere Tropfen. Ein Gewitter.

Jeden Morgen beim ersten Blick aufs Telefon, wartet die Schlagzeile 2, 3, 4 israelische Soldaten am Vortag getötet, die Namen der Männer werden veröffentlicht, die Gesichter, jüngere, ältere. Dazu kommen die Meldungen der Hamas von manchmal dutzenden, manchmal hunderten Toten.

Die Geisel-Übergaben wurden live im TV übertragen, auch wenn es kaum etwas zu sehen gab. Mit den üblichen Kommentatoren und Talking Heads in Studios und im Feld, die immer in Kriegszeiten mit stundenlangen Pseudo-Dialogen und Sermonen den Morgen, den Abend, und ganze Tage füllen.

Als ‘Lichtblick’ wurden die Momente der Geisel-Befreiung von vielen bezeichnet.

Diese ‘News’ dienen weniger der Information, als es ein galvanisierendes Bad der Massen ist, um Einheit zu schaffen, die Diskussionspunkte zu setzen, und letztlich um die Unterstützung für die Kriegspolitik wieder und wieder zu verstärken.

Schon unmittelbar nach dem 7. Oktober wurde das ganze Land überzogen mit Plakatwänden mit dem schlüpfrigen Motto: ‘Yachad nenatzeach – Zusammen gewinnen wir’. Wer will da was dagegen haben? Und wenn ja, gegen was will man sich auflehnen? Gegen den Teil mit dem ‘gewinnen’ oder den Teil mit dem ‘zusammen’?

Seither haben sich die Meinungen diversifiziert. Es wird auch gegen Krieg protestiert.

Und es wird geklebt, aufs Auto oder aufs Motorrad, die israelische Flagge ist omnipräsent, in Gärten, an Strassenrändern, auf und an Autos.

Dann ein gelb-schwarzer Kleber den ich jetzt öfter sehe: ‘Fuck Hamas – Hapa’am ad ha sof‘ (Fickt die Hamas – diesmal bis zum Ende). Das konsensfähige ‘Fuck Hamas’ wird auf hebräisch ergänzt mit dem politisch heiklen Schlachtruf, bis zum Ende / bis zum Letzten zu gehen.

Auch eine entschärfte Version desselben Klebers habe ich gesehen auf einem Auto, mit dem nach ‘Endsieg’ schreienden zweiten Teil abgeschnitten. Kurz und bündig: ‘Fuck Hamas’.

Auf Motorrädern im Park prangte in den Israel-Farben weiss/blau ein ähnlich angelegter Kleber: ‘Finish Them – Am Israel Chai (Macht sie fertig – Das Volk Israel lebt)’. Diese zweite Zeile ‘Am Israel Chai’ ist eine Affirmation der Holocaust-Überlebenden. Es ist der hoffnungsvolle Blick der Überlebenden in die Zukunft. Dieser Satz der Hoffnung gepaart mit dem Ruf nach Blutrache wird zum super-nationalistischen Schlachtruf.

Das andere überlebensgrosse Motto Israels, in gewisser Hinsicht die Maxime Israels schlechthin, das ist: ‘Ich habe kein anderes Land’ (Ein li eretz acheret).

Wir vier – wir haben ein anderes Land.

Eggs Benedict gab ich mir zum Geburtstag, Brioche drauf feinster Lachs unter pochiertem Ei und sämiger Sauce Hollandaise, in einer Ganztags-Frühstücks-Bar an der Dizengoff, begleitet von Kir Royale und einem Geburtstags-Shot Campari-Gin, offeriert von einer jungen typisch unprofessionell aber sperrig-charmanten Tel Avivi Waitress, und ihrem Barman, nachdem wir eine halbe Stunde auf der Strasse draussen in der warmen Novembersonne auf einen freien Tisch gewartet hatten (an einem gewöhnlichen Donnerstag um 11 Uhr Morgens!).

An der Dizengoffstrasse da sitzen jetzt auf vielen Parkbänken dicke Teddybären in Menschengrösse, mit blutigen Einschuss- und schwarzen Brand-Löchern im nussbraunen Fell.

Dazu ist der Dizengoff-Platz in Sichtdistanz von unserem Geburtstags-Cafe ein grosses Mahnmal, den Opfern der Hamas und den Geiseln gewidmet, mit Fotos ausgelegt, Kerzen, Erinnerungsstücken. Wer die letzten Wochen ferngesehen hat, erkennt viele der Gesichter auf den Fotos wieder, und erinnert die Geschichten dazu. G erzählt mir die Geschichte eines jungen Paars, deren Fotos da liegen, dass die beiden, Eltern von zwei Babies, in ihrem Haus erschossen wurden. Nachdem sie die Eltern getötet hatten, machten es sich die Hamasniks bequem in dem Haus, und jeder und jede, die der nach den schreienden Babies schauen wollte, wurde auf der Türschwelle erschossen. Ein gut meinender Helfer nach dem anderen. Die Kleinkinder überlebten.

In unserer kleinen Frühstücks-Bar war die Stimmung gelöst, der Laden draussen, drinnen und an der Bar voll besetzt, bis beim zweiten Kaffee plötzlich kontrollierte Eile ausbrach, alle im Lokal aufstanden, Raketenalarm, um sich im Eingang des Hotels nebenan einzufinden, im ‘Safe Space’.

Es donnerte am Himmel über uns, so laut wie schon lange nicht mehr.

Unsere Buben hatten in Kindergarten und Schule zum ersten Mal überhaupt auch Alarm.

So machten wir uns gleich auf den Weg, um sie abzuholen.

Die beiden waren nicht weiter beunruhigt, wobei der ältere den Geburtstagskuchen mit Kerzenausblasen zuhause am selben Nachmittag fiebrig und müde verschlief… Kriegskrank? Oder wars doch nur ein Virus?

Was man sicher weiss: es könnte alles noch viel schlimmer sein.

Der Plastik-Weihnachtsbaum zuhause steht – frohe Weihnachten!

Die ersten Wochen war’s aufregend, wieder hier zu sein. Jetzt wo wir den Krieg meistens Krieg sein lassen können stellt sich wieder ein Alltag ein, wo wir Abends bei Freunden zu Hanukkah Kerzen anzünden, die Familie treffen am Wochenende.

Vieles fühlt sich wieder normal an (sogar der Raketenalarm, zwei, drei Mal die Woche). Auch wenn nicht wenige Freunde Jahre älter aussehen, viele sichtlich an Fitness und reiner Haut verloren haben, alle müde Schatten um die Augen tragen.

Und je normaler sich das Leben wieder anfühlt, wir die warme Novembersonne geniessen, G auf Whatsapp Bilder vom Strand schickt – umso dunkler wird der Schatten, den ich mit mir rumtrage. Wir. Müssen. Hier. Weg.

Gestern Abend waren wir bei einem Paar mit zwei Jungs im selben Alter wie unsere. Eine israelische Familie wie aus dem Bilderbuch: Zwei Mütter, die eine Mutter aus Israelischem Adel, ihr Grossvater hat die Marine gegründet, ihr Vater eine der ersten Steinerschulen. Die andere Mutter eine erfolgreiche Unternehmerin. Ihre beiden Buben von einem Samenspender sind beide blond. Sie haben eine unkomplizierte Art weltoffen zu sein, eine unprätentiöse Art grosszügig zu sein.

Sie sagen uns: “Hey, wir können nicht weg hier. Und was würden wir in einem Land machen, in dem die Sonne nicht scheint? Unsere Kinder sind nicht für die Kälte Europas gemacht!”

Und wir? – Können weg.

Dienstag. Heute früh hatte es kaum Verkehr unterwegs zur Schule. G und ich fragen uns: Ist’s wegen dem angesagten Regen heute? Ist’s wegen dem Krieg (bleiben Leute zuhause, weil gestern ein Raketenteil in Tel Aviv runtergekommen ist)? Oder ist’s wegen der Feiertage (morgen beginnt Hanukah)? Oder waren wir einfach etwas früher dran, und alle anderen sind etwas später aufgestanden als üblich..?

Alltag.

In unserer Ecke in Israel blieb es auch nach Ende der Feuerpause ruhig. Wir sind eine gute Woche zurück aus der Schweiz, und wir hatten bisher keinen einzigen Raketenalarm.
Die Schule findet auch wieder beinahe im Normalbetrieb statt.
Im Büro geht’s sowieso nicht um Krise, sondern um unsere Präsenz am COP28 Umweltgipfel in Dubai, und um die Planung für 2024. Dubai übrigens ist wieder im normalen Flugplan, anders als Zürich: da fliegt nur El Al hin, weil die grossen Gesellschaften aus dem Westen, auch Lufthansa und mit ihr die Swiss, Tel Aviv weiterhin nicht bedienen.

Freitag. Während Gaza jetzt fein säuberlich plattgemacht wird, können wir wieder in Ruhe unserem Leben nachgehen.

Die Nachrichten von der Front beschränken sich vorwiegend auf Zahlen (und Namen) von Toten hüben wie drüben. Wie man das verdaut und wie nahe das einem geht, ist von vielem abhängig. Heute hörten wir den ganzen Morgen Helikopter kommen und gehen. Es stellte sich heraus, dass die ganze Nomenklatura zu einer Beerdigung hier in unserer Nachbarschaft eingeflogen wurde. Der Sohn eines der israelischen Generäle war am Vortag in Gaza gefallen. Das weckt wieder das Gefühl dafür, wie klein das Land ist, und wie unmittelbar wir von Krieg (und Kriegspolitik) betroffen sind, auch wenn sich der Bombenhagel weiter südlich gut ausblenden lässt.

Alltag?

Mittwoch. Hin und wieder bricht der Krieg ein in unsere Bubble.

Wenn unser Grosser heute Abend nach der Schule eine “Stadt im Untergrund” zeichnet, mit Strichmännchen die hochsteigen aus der Tiefe der Erde mit ihrer Gun, und anderen Strichmännchen oben in den Häusern auf der Wiese in den Hintern schiessen, oder die unten in ihren Untergrund-Häusern furzen, und denen oben stinkt’s – hat das nun mit Hamas-Tunneln zu tun und einem frühen Kriegs-Trauma? Oder wie viel davon ist der Zwergenwelt der Schule und seiner Fantasie geschuldet? Was hat er gehört? Was weiss er, und was bildet er sich ein?

Oder der Krieg bricht ein, wenn gestern in unserer Schule zur Feier von Hanukkah alle Familien der Klasse zusammenkommen, und ich frage den einen Vater, ob sie auch im Ausland waren – und er antwortet, er ist seit 2 Monaten alleinerziehender Vater, weil seine Frau im Krieg ist.

Auch wenn der junge Nachwuchs-Meerresbiologe-Hippie ins Büro reinschneit, und sich zurückmeldet mit kurzer Umarmung für alle, nächste Woche ist er wieder auf der Luftwaffen-Basis, um Raketen aus US-Fliegern aus- und in israelische Kampfjets einzuladen…

Alltag?

Sonntag. Als wir schon im Bett liegen, rumpelt es am Himmel über uns, wie bei einem Gewitter. – Ein Blick auf’s Telefon bestätigt: Tel Aviv hat Alarm, und wir hören den Donner der Abfang-Raketen.

Montag. Am Morgen dann, wenn wir zum Frühstück in die Küche kommen, tollen unsere beiden jungen Katzen vor der Haustür in der Sonne, und betteln um Futter…

Als wir heute von der Schule heimfahren und in unsere Strasse einbiegen, stehen vor dem einen Kindergarten den’s dort hat zwei riesige geile aufgerichtete Pneukräne. Ein blauer und ein gelber. 

Die beiden Monster sind leider wieder weg, als wir (ich mit den Buben) etwas später per Velo vorbeipedalen.

Dafür steht jetzt neu dort wo hinter einer dichten grünen Hecke die Kindergartenkinder spielen, ein gigantischer 3 oder 4 Meter hoher, weisser Betonklotz mit Stahltür. 

Der Betonblock ruft fröhlich: Willkommen zurück im Kindergarten, Kinder! Endlich könnt ihr wieder unbeschwert den ganzen Tag spielen, denn ihr habt jetzt einen Schutzraum.

Ein mobiler Schutzraum. Dafür gibt’s sogar ein Wort in Hebräisch: Migunit.

Vermutlich stand der (private) Kindergarten seit dem 7. Oktober leer, da die Anforderungen in Sachen Schutz bei Raketenangriffen nicht erfüllt wurden.

So war’s bei unserem Kindergarten ja auch. Wobei den unsrigen haben sie kurzerhand in ein leerstehendes Haus gezügelt, das mehr schlecht als recht als Kindergarten taugt, im Wohnzimmer hängen noch die 80er-Jahre Glaskugel-Deckenleuchten.

Der Schulunterricht unseres älteren Sohnes findet vorübergehend in einem angemieteten Raum an der Uni statt.
Lieber ein Provisorium, als gar keine Schule.
Unser ganzes Leben fühlt sich an wie ein Provisorium.
Wie lange sind wir noch hier?