Archive

Deutsch

Es ist Purim, alle verkleiden sich als Piraten, scharfe Politessen und Krankenschwestern, Sträfling, Superheld(in), Bunny oder gelbe Mäuschen. Made in China-Kostüme gibt’s für wenig Geld an jeder Ecke.

Ich war letztes Jahr in einem blauen Austin Powers Anzug aus Polyester an einer Party, wo noch zwei oder drei andere dieselbe ‘Idee’ hatten. (Supermodel Bar Refaeli war angeblich auch auf der Party, aber ich erkannte sie nicht in ihrem Kostüm). Frida Kahlos und John Lennon sind beliebt für anspruchsvollere Gesellschaften.

Bugs Bunny’s Walk of Shame. Fällt nicht auf an Purim.

Ein Volk von Kriegern lässt an Purim zwei Tage und Nächte lang das Kind raus. Ist doch normal. Ganz zu schweigen davon, dass man auch jahrum im Alltag nicht schlecht fährt, wenn man den ungeduldigen, ungezogenen Israeli manchmal nicht ganz für voll nimmt, sondern als Kindskopf behandelt.

“Do you also have Halloween?” fragt mich ein Kollege auf Arbeit.

“We have Fasching.” sage ich.

“FASCHING!” brüllt er ins Büro.

Typisch deutsch! Fasching! Nur ein paar Buchstaben weg vom Faschismus! 

Es ist so ein Ding mit Deutsch hier.

Bis vor einigen Jahren fürchtete man als Deutsch-Sprechender, von Holocaust-Überlebenden ‘erwischt’ zu werden. Jenes Israel kenne ich nur aus Erzählungen.

Meine Nachbarn und die Leute, die heute neben mir im Bus oder Restaurant sitzen, die haben ganz andere Deutsch-Erfahrungen. Partys im hippen 20xx Berlin beispielsweise.

Immer wieder wird einem auch das “AUFMACHEN!! SHNELL!! PAPIEREN!!”-Deutsch aus den Zweitweltkriegs-Klamottenfilmen vorgeführt, das einem auch in den USA ständig um die Ohren gehauen wird. Das hat mehr mit Hollywood als mit Israel zu tun.

Oder dann eben das Pornodeutsch. Was ich von vielen schon gehört habe, und noch immer nicht ganz glauben kann: Deutsch ist hier die Sprache für versauten Sex.

Für Israelis meiner Generation wurde Deutsch offenbar radikal umbesetzt, weil die deutsche Porno-Video-Industrie willig hierhin exportierte, und weil RTL und SAT1 Ende der 80er-Jahre per Satellit ihre “Französischen Kusinen” und “Es Juckt in der Lederhosen”-Softpornos am Spätabend auch nach Israel ausstrahlten.

Wer hätte gedacht, was für eine Image-Kur die Produzenten da ihrer Muttersprache verpassten. Aus dem Konzentrationslager-Deutsch ruckizucki zum Matratzenlager-Deutsch. In Serbien wurde ich Ende 90er in den Ferien auch mit spritz mich Jochen begrüsst.

So sehr es mir als Schweizer gegen die Natur geht, dass Hochdeutsch die Sprache sein soll, die hier in heissen Nächten durch offene Schlafzimmerfenster auf die Strasse schallt, verschiedene Quellen sagen alle übereinstimmend dasselbe… 

Hier ein Bericht aus erster Hand, von der deutschen Historikerin(!) Anna Rau, Zitat: I, as well as other German girls I know, have been asked to speak German when things get hot and heavy: Germans and Israelis – sharing history and sexual fascination.

Ich spreche nur Englisch hier. Und immer mehr Hebräisch.

Ah, du sprichst Deutsch..!? Dieses lustige YouTube-Video wird mir öfter mal auf iPhones vorgespielt: Ein Brite in Trenchcoat nuschelt: “Butterfly“. Ein Junge mit Mexikanerhut raspelt ein heissblütiges: “Mariposa“. Eine Französin mit neckischem Béret singt: “Papillon“. Ein tätowierter Italiener: “Farfallo“. Dann bellt ein Deutscher in Krachlederner und Münchner Trachtenhut: “SCHMETTER-LING!“.

Dann geht dasselbe Übersetzungs-Spielchen weiter mit anderen sinnlichen Deutschvokabeln wie “Ambulance, Ambulance, KRANKEN-WAGEN!” oder “Sex, Sexe, Sesso, GESCHLECHTS-VERKEHR!”

Mein Vorschlag für eine Fortsetzung des Videos, aus aktuellem Anlass: “Licence, Permis, FÜHRER-SCHEIN!“. Ich musste Sonntag zur Fahrprüfung.

Ich musste für einen Tag die hier herrschende Verkehrskultur des “Das-geht-auch-schneller” ablegen. In meiner vorbereitenden Fahrstunde hatte ich zwei Fragen, die mir in den zwei Jahren niemand beantworten konnte: Was ist die Höchstgeschwindigkeit? (Gibt es das? Im speziellen innerorts, ausserorts und auf der AUTO-BAHN?) Und: Gibt es sowas wie Rechtsvortritt? (Nein, sagte der Fahrlehrer, und verstand die Frage nicht, eine Seite der Kreuzung hat immer ein Strassenschild.)

Ich musste auf der Strasse beweisen, dass ich meinen Führerschein nicht wie der Russe bei einem korrupten Beamten gekauft hatte, sondern dass ich mir das Recht zum Lenken eines Fahrzeugs in Lektionen und Fahrstunden in meinem Heimatland redlich erarbeitet hatte.

Der Taxifahrer, der mich an dem Tag zum Misrad HaRishui brachte –Hebräisch für FÜHRERSCHEIN-MELDESTELLE! – hatte auch nur Verkehrsregeln im Kopf. Er schilderte mir in den 15 Minuten Fahrt, wie sehr Araber und Nazis auf Sex mit jüdischen Frauen stehen. Er wechselte ohne Atem zu holen zwischen schwärmerisch aufgegeilt („Schau mal diese heisse Braut dort drüben! Ich verstehe die Araber schon!“) und angewiderter Empörung über die Nazis und Mörderaraber, die ob der heissen jüdischen Bräute ihre Überzeugungen verraten.

Ich glaube, er wollte mit seiner feurigen Rede sein weltmännisches Verständnis für meinen Liebes-Umzug nach Israel ausdrücken. Nicht dass ich Araber oder Nazi wäre, aber: Alle Männer lieben sexy Jüdinnen.

Der Experte stieg zu mir ins Auto ohne mich anzuschauen, alles was er in den 2 Minuten sagte war: Smola (nach links), yamina (nach rechts), smola (nach links), smola (nach links). Dann kletterte er wieder aus dem Subaru Rallyewagen ohne mich anzuschauen. Mein Fahrlehrer sagte, es wird schon gut sein.

Dann wartete ich mit Los-Nummer 934 eine gute Stunde auf die Schalterbeamtin.

Jetzt kann ich legal Auto fahren. Wenn ich allerdings Innerorts die 50 fahre wie in der Prüfung, werde ich irgendwann von der Strasse geschoben. Vorschriften sind bestenfalls Anhaltspunkt hier. Es liegt mehr drin hier.

Hier der Link zum Deutsch-Video:
 http://www.youtube.com/watch?v=ZlATOHGj9EY