Wir haben uns Wohnungen in Jaffa angeschaut. Dort in Süd-Tel Aviv gibt es einen verschlafenen Fischerhafen, eine aus schwerem Stein gebaute Altstadt mit pittoresken Gässchen, wo sich zu Sonnenuntergang Brautpaare fürs Hochzeitsfoto aufstellen, es gibt einen Suq, orientalische Architektur, der Muezzin ruft zum Gebet, Männer rauchen Wasserpfeife (nur Männer), sogar eine alte Kreuzfahrerkirche mit Kruzifix und Glockenturm steht oben auf dem Hügel .. und das Wohnen ist viel billiger als im schmerzhaft überteuerten Tel Aviv! Wir könnten uns Meersicht leisten für den Preis unserer 65m2 parterre hier im Norden.
Viele Tel Avivis überlegen sich jetzt, nach Jaffa zu ziehen. Alle, die wir fragen haben eine Meinung dazu, die meisten sind allerdings skeptisch, schauen uns an: “Ja, Wohnungen sind billig, aber wollt ihr das wirklich?” Nicht, dass Jaffa weit weg wäre. Mit dem Fahrrad sind es 10, 15 Minuten ins Stadtzentrum Tel Avivs.
Nur die wenigsten tun es, weil, nun, weil Jaffa eben arabisch ist.
Es wird renoviert und gebaut wie verrückt in Jaffa. Vom Norden, von Tel Aviv her werden Strassenzüge erneuert, Häuser abgerissen, grosse Wohnanlagen neu gebaut, am Strand wurde ein gigantischer Park mit Spielplatz angelegt. Und alle rechnen damit, dass der Boom weitergeht. Dennoch, israelische Israelis ziehen (noch) nicht hin.

Unsere Stadt heisst offiziell “Tel Aviv – Jaffa”. Top-Treffer der Bildersuche auf Google nach “Jaffa” …
Wir kennen eine, zwei linke Künstlerseelen, die neuerdings in Jaffa leben. Und wir kennen eine gute Handvoll Zugezogene, Diplomaten, NGO Mitarbeiter, Neu-Israelis, die ihre Zelte in Jaffa aufgeschlagen haben. Die Neulinge haben weniger Berührungsangst. Sie haben keine Assoziationen und Erinnerungen an die arabische Stadt, die Jaffa vor wenigen Jahren noch war. Die Expats schicken ihre Kinder sowieso in die private internationale Schule. Sie sind oft auch nur für einige Jahre hier. Auswärtige reizt der orientalische Charakter Jaffas. Israelis weniger.
Neue Appartments am Strand (Wohnlagen, die sich hier 15 Minuten nördlich davon keiner mehr leisten kann) werden als günstige Investitionsobjekte angeboten. Nach dem Motto: Jetzt kaufen – und für die nächsten Jahre an Expats vermieten, bis Jaffa komplett ‘saniert’ ist… Jahrzehntelang wurde Jaffa vernachlässigt, noch heute werden Nachbarschaften in Jaffas Süden von Clans regiert, Korruption ist allgegenwärtig. So gehen wenigstens die Geschichten – und irgendwas muss schon dran sein.
Die alteingesessenen Araber werden verdrängt. Entweder weil sie verkaufen und wegziehen, oder weil sie sich das Leben im sanierten Jaffa nicht mehr leisten können – oder weil sie bei der Wohnungsvergabe übergangen werden. Manche neue Projekte würden exklusiv für jüdische Mieter entwickelt, liest man.
Im Norden Jaffas ist die ‘Entwicklung’ bald abgeschlossen. Der arabische Stil der Nachbarschaft ist als hübsche Kulisse aufbereitet für Touristen und boomendes Nachtleben – doch Araber arbeiten bestenfalls noch in den Shops. Einige Strassenzüge weiter im Süden wird ein Haus nach dem anderen, eine Strasse um die andere saniert.
Ein klarer Fall von Gentrifizierung! Das gibt’s doch auch im Berliner Kreuzberg, wo die zugezogenen Süddeutschen die Türken weg-renovieren.
Doch der Vergleich mit der Gentrfifizierung in anderen Metropolen hinkt.
Die Vertreibung hunderttausender Palästinenser im ‘Unabhängigkeitskrieg’ von 1948 (die Palästinenser nennen den Krieg ‘Nakba’, die Katastrophe), die Siedlungspolitik seit 1967 in den besetzten Gebieten, das Ignorieren und mehr oder weniger subtile Abwürgen arabischer Kultur in Israel .. diese Sünden der israelischen Entwicklung, für die sich hier vielleicht die Linke interessiert aber die von den meisten ausgeblendet oder schöngeredet werden, Sünden, für die Israel in der internationalen Agenda ein ums andere Mal Haue kassiert, diese Sünden liegen wie ein Schatten auf dem aufgehübschten Jaffa. Allerlei Gespenster wohnen in den Schatten der schicken Neubauten. Man weiss nicht, unter welchen Umständen dieses oder jenes Landstück für Neubauten freigemacht wurde.
Die Gentrifizierung Jaffas ist nur oberflächlich ein ökonomisches Phänomen. Die Stadt gehörte den Arabern. Aber die Juden haben jetzt das Sagen. Die Araber werden bestenfalls behandelt wie in der Schweiz oder in Deutschland Zugezogene, wie ungeliebte Einwanderer oder Flüchtlinge, die ihre Würde und Würdigkeit immer neu beweisen müssen. Manchmal werden sie besser behandelt, manchmal schlechter, sie bekommen Unterstützung von Bürgergruppen … am Ende müssen sie sich komplett anpassen, oder sie ziehen den Kürzeren. Weil die ‘Leitkultur’ eine andere ist. Israel hat die Palästinenser zu Fremden in ihrem eigenen Land gemacht. Und sie werden immer fremder.
Jetzt ist Jaffa fällig.
Im Abschiedsartikel der NZZ-Korrespondentin geht es um Jaffa.
Der letzte Artikel von Monika Bolliger aus Israel – leicht missverständlich hoffnungsvoll aufgemacht mit ‘Israels gemischte Stadt‘ – zeigt über weite Strecken die unschöne Seite von ‘gemischt’ in Israel. Wie das Zusammenleben hier eben oft ein Gegeneinanderleben von Arabern und Juden ist.

.. und Top-Treffer Bildersuche auf Google nach “Tel Aviv”.
Der Artikel beschreibt Jaffa, meint aber Israel. Unter anderem besucht die NZZ-Journalistin eine Yeshiva, eine (private) religiös-nationalistische jüdische Schule, die unlängst mitten in Jaffa etabliert wurde: „Die Yeshiva hier in Jaffa sei wichtig, um die jüdische Präsenz zu stärken, wird uns erklärt; nicht nur gegenüber den Arabern, sondern auch gegenüber den säkularen Juden, die in Jaffa lebten.“
Die Anschieber der Yeshiva – das Personal kommt offenbar aus Siedlungen im Westjordanland – hatten wohl eine schreckliche Vision: Sie sahen ein Jaffa der Koexistenz heranwachsen … Wo gibt’s denn sowas! rufen sie aus, Hört mal, das ist Israel hier! Israel ist kein Experiment in Völkerverständigung! Hier muss ein jüdischer Staat zementiert werden. Wir zeigen euch wie das geht.
Diese Siedler-Mentalität macht mich ganz direkt betroffen.
Alle sind gleich, aber wir sind besser.
Ich bin der nicht-Araber und nicht-Jude. Für mich sehen auch Juden arabischer Herkunft gerne mal arabisch aus. (Während der Israeli den Araber Araber im Dunkeln mit geschlossenen Augen erkennt.) Ich schätze Jaffa für den Mix der Kulturen, den es dort (noch) gibt. Ich gehe in Jaffa aus zum Essen und freue mich, wenn ich Schwein vom Grill auf der Karte finde.
Die Siedler, die politische Rechte will keinen Mix der Kulturen – und die meisten Israelis glauben nicht daran, dass Offenheit funktionieren kann.
Unsereins hat hier in Israel wenig Lobby.
Sollten die Rechten im März in der Regierung zulegen, dann werden sie das Judengesetz durchs Parlament drücken: In diesem viel diskutierten Zusatz im Grundgesetz soll festgeschrieben werden, dass Israel ganz zuerst jüdischer Staat ist. Ergo, dass alles nicht-jüdische vielleicht geduldet wird aber eigentlich un-israelisch ist. Es wäre eine Steilvorlage für Diskriminierung aller Art. Von der israelischen Linken wird das Gesetz als un-demokratisch vehement zurückgewiesen.
Unmittelbar würde sich wohl mit dem neuen Gesetz nichts ändern, denn Israel funktioniert bereits weitgehend nach diesem Prinzip. Schon jetzt, beklagen sich Bewohner Jaffas im NZZ Artikel, fördert der Staat jüdische Schulen und einige Zentren für Koexistenz – aber keine arabischen Initiativen.
Kommentatoren sehen das Gesetz auch als Vorbereitung auf die ‘Einstaaten-Lösung’. (Die ‘Einstaaten-Lösung’ ist das grammatikalische Gegenstück zur ‘Zweistaaten-Lösung’, derzeit noch mehr eine Worthülse als echtes politisches Programm.) Das Gesetz soll zur Absicherung dienen, es soll Werkzeug bereitgelegt werden, um den jüdischen Charakter Israels festzunageln, falls in den nächsten Jahren der Anteil palästinensisch/arabischer Israelis wächst. Beispielsweise weil Israel Teile der Westbank annektiert.
So gesehen: wir würden eigentlich ganz gut nach Jaffa passen.
Wären da nicht all die Gespenster.
Oder existieren diese Gespenster nur in unseren Köpfen? Die Berichte aus erster Hand aus Jaffa sind fast alle positiv. Kein Problem mit den arabischen Nachbarn. Sie seien laut und sie schmeissen den Abfall irgendwohin. Lappalien!
Die beste Geschichte erzählt uns ein schwedischer Diplomat beim Bier in Jaffa, ein blonder Zwei-Meter Schlaks mit Babyface, der mit seiner Familie seit einem Jahr in Jaffa lebt. Gelangweilte Strassenkids aus der Nachbarschaft schmissen Steine gegen sein Wohnzimmerfenster. Er eilte nach draussen und verpasste den Kids auf Arabisch eine Standpauke – die wussten nicht wie ihnen geschieht, dass der lange Blonde Arabisch spricht. Sie grüssen ihn jetzt, sagt er, wie einen Ausserirdischen.
Trotzdem.
Wie’s aussieht ziehen wir nicht nach Jaffa. Weil weil dies den täglichen Arbeitsweg um 15-20 Minuten verlängern würde. Und weil wir nicht aus Tel Aviv wegziehen wollen… noch etwas, was Expats nicht haben: nostalgische Heimat-Gefühle für die Betonklötze Tel Avivs.
Wir schauen uns jetzt wieder Wohnungen hier im guten alten Norden an.
Hier im Alten Norden hält die Tel Aviver ‘Bubble’ alle bösen Gespenster fern. Hier wohnen die Ärzte, die High-Tech Yuppies und die DINKS, die Startup-Millionäre und die Erben. Hier kaufen die vor dem Antisemitismus / Steuerfahnder geflüchteten Franzosen ihre teuren Appartements (und lassen sie dann 11 Monate im Jahr leer stehen). Hier wird die Gay-Pride Schwulenparade gefeiert. Hier wohnen keine Araber – und keine Religionsschüler. Palästina scheint von hier genauso weit weg wie von Zürich (der Lärm rund um die Raketen aus Gaza ist im Alltag schnell wieder vergessen). Hier – zwanzig Minuten von Jaffa mit dem Rad den Strand hoch – hier zeigt Israel sein beinahe europäisches Gesicht. Es gibt französische Patisserie, italienische Pizza, Sushi und Gruyère beim Deli… weltoffen, säkular …
Nach Jaffa werden wir weiterhin fahren, um guten Hummus und Fisch zu essen. Für ein paar Stunden fühlen uns wie Touristen in der eigenen Stadt – dann kehren wir zurück in unsere Bubble.